Montag, 1. August 2011

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Ich war heut morgen mit meinem Vater und seinem besten Kumpel (Bác Giang) Shoppen. (Wie das schon anfängt...nein jetz kommt kein Tussi-Post xD)
Dabei waren wir mit dem Motorrad unterwegs und da es die letzten Tage geregnet hatte, war es draußen auch angenehm kühl (ca. 25-30° schätz ich mal). Der erste Laden war ein Kosmetikladen (wer hätts gedacht) und verkaufte alle asiatischen, bekannten Marken. Ich habe eine BB Cream von Missha gekauft (M Perfect Cover B.B Cream, 21 light beige, 20 ml) für 205 000 dong. Das sind umgerechnet 6,15 €. Bisher hatte ich nur eine BB Cream von THEFACESHOP getestet und die war mir zu transparent. Irgendwie war sie beim Auftrag extrem dick und sobald sie eingezogen ist, war die Farbe weg. Nun gut, manche finden den Effekt sehr wünschenswert (Natürlichkeit; passt sich der eigenen Hautfarbe an), aber ich wollte meine Hautfarbe etwas aufhellen. Review folgt bei Interesse.

Nun ja, glücklich verließ ich also den Laden und wir fuhren danach zu einem anderen sehr guten Freund meines Vaters (Chú Tuan). Er hat ein Haus direkt im Zentrum der Stadt geerbt und die Ladenfläche an Kodak vermietet. (Für alle nicht Hanoianer: Ein Grundstück in der engen Hauptstadt zu finden ist sehr schwer, und wenn man eins findet, ist es sehr schmal, da alles zugebaut ist. Das Erdgeschoss vermieten die meisten Hausbesitzer.) Daher verdient er ohne viel zu tun allein von der Miete sehr viel Geld. SEHR viel Geld. Seine Tochter ist extrem verwöhnt, sie ist zwar lieb, aber ein reiches Stadtmädchen aus Hanoi eben. Viele hier sind arrogant und bilden sich etwas darauf ein. Sie denken auch, dass ich bevorzugt nur mit Reichen befreundet sein will und dass es mir nur darum geht: Je mehr Geld, desto interessanter bist du. Naja...ich mag zwar aus dem reichen Deutschland kommen, bin aber kein oberflächlicher Mensch. Chú Tuan prahlt richtig damit, wofür sie ihr Geld alles ausgibt und wie viele teure Markenklamotten sie aus den USA trägt. Dass sie nicht so gut in der Schule ist und sehr viele Lover hat, erwähnte er nebenbei. Jedoch störte es ihn nicht...sondern machte ihn sogar irgendwie stolz. Nun gut, seine Frau hat sich früh von ihm getrennt und seine Tochter ist ihm das Liebste auf der Welt. Seine Prinzessin sozusagen. Sieht man aber auch. Vielleicht will er das ja. Ich mag seine Tochter, sie ist ein guter Mensch. Ihr fehlt in gewissen Situationen nur die Toleranz, da ihr Vater es ihr nicht anders beigebracht hat: Arme Menschen sind nichts wert. Die haben es in ihrem Leben zu nichts geschafft. Sowas darfst du nicht wertschätzen. Sagen wir mal, sie kennt wenig Mitleid.

Während mein Vater also noch mit seinen Kumpels ein (oder auch zwei) Gläschen Bier trank, wollte ich die Zeit nutzen und meine Shoppingtour fortsetzen. Bác Giang fuhr mich zu einem Laden mit Circle Lenses und ich war beeindruckt, wie groß die Auswahl war. Sie waren mit 8,50€ pro Paar auch relativ günstig, jedoch fand ich die Farben entweder zu unauffällig oder ich hatte sie schlichtweg schon zu Hause. Hab mich dann entschieden in einen anderen Laden zu gehn, der auf meiner Liste stand und war schon dabei, mich auf das Motorrad zu setzen, als ich hinter mir eine leise Stimme hörte: "Frisches Brot. Wer möchte frisches Brot kaufen?"

Ein sehr alter Mann, mit grauem Haar, einem freundlichem Blick und von der vielen Arbeit und der Mittagssonne ganz dunkle Haut, stand hinter mir. Er hatte mehr einen dreckigen Lumpen als ein Hemd an und sein Rücken war gekrümmt. Auf seinem Kopf trug er eine große Kiste aus Styropor in die er die Brote verstaut hatte. Die Kiste war sicherlich schwerer als er selbst. Ich wusste nicht warum, aber der Anblick dieses Menschen zerriss meine Seele. Es war ein Moment der mich zutiefst schockierte.
Vor mir hockte ein armer, aber fleißiger Mann, der jeden Tag zu Fuß durch die riesige Großstadt lief, um seine selbstgebackenen Brote zu verkaufen. Er arbeitete hart, seine Stimme klang rau und müde, seine Hände griffen schnell zu den Broten und er sagte immer wieder: "Kaufen Sie. Die Brote sind noch warm. Sie sind sehr lecker. Kaufen Sie." Ich nahm zwei Brote an mich und wollte ihm mehr abkaufen. Denn ich sah, dass die Kiste noch ganz voll war.

"Ein Paar von einer Sache ist immer gut." Ich griff in meine Tasche. Und das war, was mich am meisten verstörte: Ich hatte "nur" einen 500 000 dong - Schein und seine zwei Brote kosteten nur 5000 dong (ca. 16 cent). Jetzt stand ich da, ein junges Mädchen. Stöckelschuhe, geschminkt, viel Schmuck und Parfüm. Ich habe noch nie in meinem Leben so hart gearbeitet und ich war gerade noch bereit, das Geld in meinen Händen leichtfertig für Luxusgüter auszugeben. Eine Summe, die dieser Mann mit viel Kraft und Geduld erarbeiten musste. Der Kontrast war so groß.

Bác Giang bezahlte für mich und der Mann bedankte sich, setzte sich die Kiste schnell wieder auf den Kopf und ging. Seine raue Stimme war noch einige Meter weit zu hören. Ich wollte ihm Geld schenken. Später bereute ich, dass ich ihm nicht meinen Schein gegeben hatte. Vielleicht hätte er sich davon einen kleinen Wagen kaufen können. Mit dem könnte er seine Brote schieben.

Ich bat Bác Giang daraufhin, mich sofort nach Hause zu fahren. Jetzt noch Geld für Kosmetik auszugeben, konnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Ich konnte mich einfach nicht zurückhalten. Meine Tränen flossen nicht nur für diesen alten, armen Brotverkäufer, sondern für dieses Land. Wie war es möglich, dass es eine Gesellschaft mit so großen Unterschieden gibt? Warum herrschte in einer so modernen Stadt noch so großes Elend? Wieso muss ein Mensch, der schon längst in Rente sein sollte, seine Kraft bis zum Ende nutzen? Ich würde so gern helfen.

Daheim saß ich lange in meinem Zimmer. Ich hätte ihm so gern wenigstens eine Sache gesagt:

Dass seine Brote wirklich sehr sehr lecker waren.


Kommentare:

  1. Ich habe grade solche Tränen in den Augen. Ich weiss wie es dir ging, mir geht es auch immer so, wenn ich Menschen sehe die so in Armut leben müssen. Dieser Mann tut mir unglaublich Leid. Man kann es jetzt nicht total vergleichen, aber bei uns in der Fußgängerzone steht schon seit über 20 Jahren jeden Tag ein Mann mit zwei missgebildeten Armen, einem alten Sakko und einem alten "Zauberer-Zylinder", der den ganze Tag traurig lächelnd eine Drehorgel dreht, die lustige Lieder spielt. Jedes Mal wenn ich an ihm vorbei gehe, könnte ich heulen. Ich sehe irgendwelche Tussen, die grade aus Douglas kommen und sich ihren 500. Mac Lidschatten gekauft haben und der arme Mann steht da und dreht und dreht und dreht ununterbrochen die Kurbel von der Drehorgel, mit seinem Missgebildeten Arm, was sicherlich alles andere als einfach sein muss. Während er sich zwingt zu lächeln um die Traurigkeit aus seinem Gesicht zu schieben, gehen Menschen an ihm vorbei, gucken demonstrativ weg und in mir steigt so eine Wut hoch, wenn ich sehe wieviele Einkaufstüten die in der Hand haben, dann müssen die doch auch mal ein paar Cent für diesen armen Mann haben. Jedoch muss ich sagen dass ich bisher auch immer an ihm vorbei gegangen bin, aber nicht ohne innerlich zerissen zu werden. Ich lasse sowas immer viel zu nah an mich ran. Neulich habe ich ihm dann was gegeben, es waren nur 20 Cent, das allerletzte Geld dass ich hatte, aber ich dachte 20 Cent sind besser als gar nicht, und als ich es in sein Schüsselchen warf, hob er mit seiner freien Hand seinen Zylinder an und lächelte mir zu. In dem Moment war ich so glücklich, weil ich das Gefühl hatte etwas Gutes getan zu haben. Selbst wenn es nur 20 Cent waren. Sorry für diesen "Gefühlsausbruch" ^-^

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  2. Vietnam ist ein ziemlich korruptes Land. Du steckst Polizisten, Professoren, etc. einfach einen kleinen Umschlag mit Scheinchen zu und schon ist dein Problem geklärt. Solange sich einerseits reiche Leute alleine mit viel Geld und unter Anderem auch "Vitamin B" noch mehr Reichtum verschaffen können und die anderen, die sich dagegen wehren, gleich weggesperrt werden, wird so ein großer sozialer Unterschied wahrscheinlich noch länger bestehen und sich so schnell nichts ändern können. Was aber nicht heißen soll, dass es in VN keine ehrlichen Menschen gibt, oh Gott :). Auch in Deutschland gibt es Korruption, aber der Index in VN ist schon weitaus höher, und auch das ist wahrscheinlich nur ein Aspekt. Wollte nur sagen, dass viele Faktoren für den aktuellen Zustand verantwortlich sind, auch die Kommunistische Partei und wie sie das ganze Land "regiert". Auch wenn die Wirtschaft gerade am Wachsen ist, muss noch viel geändert werden, damit auch die Ärmeren Menschen etwas davon haben und nicht nur die sowieso schon Reichen etwas davon haben.

    So, hatte irgendwie Mitteilungsdrang. Wenn ich irgendwo falsch liegen sollte, kann mich jeder eines Besseren belehren. Ansonsten finde ich deinen Blog echt schön, bin erst kürzlich darauf gestoßen :)

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